← Alle Beiträge

"Farrokh, der die Welt eroberte: Freddie Mercury zum 80. Geburtstag"

Farrokh, der die Welt eroberte: Freddie Mercury zum 80. Geburtstag

Heute, am 5. September 2026, wäre er 80 geworden. Achtzig. Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen, weil es einem eigentlich absurd vorkommen will – Freddie Mercury als 80-jährigen Mann sich vorzustellen, mit Enkeln vielleicht, mit einer Villa in Kensington, in der er morgens Tee trinkt und über die Katzen schimpft, die auf dem Klavier sitzen. Roger Taylor hat es diese Woche in einem Interview auf den Punkt gebracht: „Ich glaube, jetzt reicht's, Darling", das hätte Freddie wohl gesagt. Wahrscheinlich hätte er mit 80 nicht mehr Stadien gefüllt. Wahrscheinlich hätte er etwas völlig anderes gemacht. Ballett vielleicht. Oder eine Kunstsammlung. Oder beides gleichzeitig, in einem Kimono.

Wir werden es nie erfahren. Er starb am 24. November 1991 mit 45 Jahren, und alles, was danach kommt, sind wir – die Zurückgebliebenen, die immer noch nicht ganz fassen können, dass da einer war, den es so kein zweites Mal gab, und der so schnell wieder weg war.

Also lasst uns heute anstoßen. Auf Farrokh Bulsara, geboren auf Sansibar am 5. September 1946. Auf den Mann, der zu Freddie Mercury wurde. Und auf die Stimme, die alles verändert hat.

Von Sansibar nach London

Es beginnt nicht in einem Rock'n'Roll-Klischee, sondern in einem britischen Kolonialbüro. Sein Vater Bomi war Kassierer im Dienst der Krone, die Familie parsische Zoroastrier, die Kindheit verbrachte Farrokh zunächst auf Sansibar, dann im Internat St. Peter's in Panchgani nahe Bombay. Dort passierte das erste Wunder: Ein schüchterner Junge mit vier zu vielen Schneidezähnen entdeckte das Klavier. Er gründete seine erste Band, The Hectics, und sang Little Richard nach. Die Zähne, über die er sich sein Leben lang niemals hat operieren lassen, weil er fürchtete, sie könnten seine Stimme verändern, waren schon damals sein Markenzeichen.

1964 kam die Familie nach der sansibarischen Revolution nach England, in eine bescheidene Reihenhaussiedlung in Feltham, Middlesex. Farrokh studierte Grafikdesign am Ealing Art College, verkaufte gebrauchte Kleidung auf dem Kensington Market und probierte sich in verschiedenen Bands aus – Ibex, Sour Milk Sea, Wreckage. Nichts davon war Weltruhm. Aber alles davon war Vorbereitung.

1970 traf er Brian May und Roger Taylor, die damals in einer Band namens Smile spielten. Ihr Sänger war gerade gegangen. Farrokh sagte: Ich mache das. Und, nebenbei bemerkt: „Wir sollten uns Queen nennen." Und, ach ja: „Ich heiße jetzt Mercury." Es war die dreisteste Selbsterfindung der Popgeschichte, und sie funktionierte, weil er sich selbst vollkommen ernst nahm, während er alles andere mit einem Augenzwinkern behandelte.

Die Stimme

Bevor wir zu den Songs kommen, muss man einen Moment über die Stimme reden. Es gibt eine Studie – wirklich, eine ernsthafte akademische Arbeit von 2016 –, in der Wissenschaftler Freddies Stimme analysiert haben und zu dem Schluss kamen, dass sie physiologisch nicht ganz erklärbar sei. Sein Vibrato lag bei 7,04 Hz, deutlich schneller als das normaler Sänger. Er nutzte offenbar seine Taschenfalten, also anatomische Strukturen im Kehlkopf, die bei normalem Singen nicht mitschwingen. Er sang, technisch gesehen, mit einem zweiten Stimmapparat, den die meisten Menschen gar nicht als solchen erkennen.

Man kann das auch schlichter sagen: Der Mann konnte klingen wie eine Opernsängerin, ein Bluesröhrer, ein Chorknabe und ein wütender Prediger, oft im selben Song, manchmal im selben Takt. Wer je „Somebody to Love" gehört hat, dieses gigantische Gospel-Selbstporträt aus dem Jahr 1976, weiß, was gemeint ist. Er hat die Chorstimmen selbst eingesungen. Alle. Eine nach der anderen.

Die Songs, die bleiben

Sechs Minuten. Kein Refrain im klassischen Sinn. Eine Opernpassage in der Mitte. Der Manager sagte, das könne man niemals im Radio spielen. Freddie hatte den DJ Kenny Everett bereits ein Bandmaster in die Hand gedrückt und gesagt: „Spiel es nicht." Everett spielte es. Vierzehn Mal an einem Wochenende. „Bohemian Rhapsody" stand neun Wochen lang auf Platz eins der britischen Charts, kehrte nach Freddies Tod noch einmal dorthin zurück, und ist bis heute das, was junge Menschen in Karaoke-Bars singen, ohne die geringste Ahnung zu haben, wer Beelzebub war und warum er ihnen einen Teufel beiseite gestellt haben sollte.

„Killer Queen" war der erste kommerzielle Durchbruch, ein Song über eine Edelprostituierte, den man auf einem Cembalo hätte spielen können und der doch rockte. „Don't Stop Me Now" ist statistisch der glücklichste Song der Welt, ermittelt von einem britischen Neurowissenschaftler, was zwar Unsinn ist, aber irgendwie doch stimmt – man kann diesen Song nicht hören, ohne dass sich der Brustkorb weitet. „We Are the Champions" wurde die inoffizielle Hymne jedes Fußballstadions dieses Planeten, obwohl Freddie damit nie ein Sportereignis im Sinn hatte, sondern seine Fans meinte, die er wirklich, ehrlich und ohne Ironie als seine Champions verstand.

Und dann sind da die Songs, die nicht auf der Hitparade laufen, aber unter die Haut gehen. „Love of My Life", geschrieben für Mary Austin, die Frau, die er einmal heiraten wollte und die bis zu seinem Tod seine engste Vertraute blieb. „These Are the Days of Our Lives", der letzte Song, den er singend vor der Kamera aufnahm – schwarz-weiß gefilmt, weil man ihm nicht mehr ansehen sollte, wie krank er war, mit einem Schlusssatz, den er direkt in die Kamera flüstert: „I still love you." „The Show Must Go On", den er im Studio einsang, als er kaum noch stehen konnte. Brian May bezweifelte, dass er die hohen Töne noch schaffen würde. Freddie kippte einen Wodka, sagte „I'll fucking do it, darling" – und tat es.

Live Aid, oder: 20 Minuten Weltherrschaft

Es gibt Auftritte in der Musikgeschichte, und dann gibt es Live Aid, 13. Juli 1985, Wembley Stadium. Queen war nicht der Headliner. Queen war eine unter vielen. Und dann trat Freddie Mercury in einem weißen Muskelshirt und Jeans auf die Bühne, ging ans Klavier, sang die ersten Zeilen von „Bohemian Rhapsody", und in den nächsten zwanzig Minuten passierte etwas, worüber Musiker heute noch reden wie andere Menschen über die Mondlandung.

Er hatte 72.000 Menschen im Stadion und schätzungsweise 1,9 Milliarden Fernsehzuschauer weltweit. Er hatte sie alle. Das berühmte „Ayo"-Call-and-Response, dieses eine ausgehaltene Falsett-Ah, das er ins Mikrofon schleuderte und das Wembley zurückschickte – es ist der Moment, in dem klar wurde: Das ist keine Show. Das ist Alchemie. Andere Bands an dem Tag waren gut. Freddie Mercury war Wembley. Der Rest waren Vorgruppen.

München, die wilden Jahre

Zwischen 1979 und 1985 lebte Freddie zeitweise in München, arbeitete in den Musicland Studios im Keller des Arabella-Hauses, schrieb dort Teile von „The Game" und „Hot Space", und stürzte sich in ein Nachtleben, das die Stadt so vorher nicht gekannt hatte. Das Sugar Shack, das New York, das Mrs. Henderson's – Freddie war überall, meistens bis morgens, meistens mit einem Gefolge, das aus Freunden, Liebhabern, Bewunderern und ein paar Zufallsbekanntschaften bestand, denen er einfach ein Bier bestellt hatte.

Er verliebte sich in München in Barbara Valentin, die Fassbinder-Schauspielerin, die für viele Jahre eine seiner engsten Bezugspersonen wurde. Es war eine dieser Freundschaften, die er brauchte – Menschen, die keine Angst vor ihm hatten, die ihn nicht anhimmelten, die mit ihm über Kunst reden konnten und über Kater am nächsten Morgen. München war für Freddie ein Ort, an dem er einfach der Mann sein konnte, den er sein wollte, ohne dass ein Boulevardreporter im Gebüsch hockte. Er nannte München „ein Ort zum Leben, kein Ort zum Berühmtsein".

Der Mann hinter der Persona

Und das ist die vielleicht wichtigste Sache, die man über Freddie Mercury wissen sollte, gerade heute: Der Mann hinter dem Kostüm war ein anderer als der auf der Bühne. Auf der Bühne war er die größte Rampensau des Planeten. Im Privatleben war er ein schüchterner, höflicher, oft melancholischer Mensch, der Katzen sammelte (er hatte zeitweise zehn, jede mit eigenem Namen und Charakter), der japanische Kunst kaufte, der stundenlang mit Mary Austin telefonierte und der auf Partys manchmal einfach in der Ecke saß und Champagner trank, während um ihn herum das Chaos tobte.

Er war schwul in einer Zeit, in der man das nicht war. Er hat es nie öffentlich gesagt und nie öffentlich verheimlicht – eine Ambivalenz, die man ihm in liberaleren Zeiten manchmal vorgeworfen hat, die aber schlicht die Ambivalenz seiner Zeit widerspiegelte. Er liebte Frauen, er liebte Männer, er liebte Mary Austin bis zum letzten Tag, er liebte Jim Hutton, mit dem er die letzten sechs Jahre seines Lebens zusammenlebte und der ihn pflegte, bis zum Ende.

Er war einer der ersten Weltstars aus einem Einwandererhintergrund, ein farbiger Parsi aus Sansibar an der Spitze der britischen Rockmusik, und er hat nie versucht, das zu leugnen oder zu betonen. Es war einfach. Er war es. Man akzeptierte es oder nicht.

Der Tod, der zu früh kam

Über Freddies Tod ist viel geschrieben worden, und das meiste davon ist auf die eine oder andere Weise falsch oder verkürzt. Also nur die Fakten: Er wusste seit spätestens 1987, dass er HIV-positiv war. Er hat es nur einem engsten Kreis gesagt – Mary, Jim, die Bandkollegen. Er arbeitete bis zum Ende, weil die Arbeit ihn am Leben hielt. Er nahm Songs auf, von denen er wusste, dass er sie nie live würde singen können. Er sagte zu Brian May: „Bring mir noch was zum Singen, Darling."

Am 23. November 1991 gab er über seinen Manager eine öffentliche Erklärung heraus, in der er seine Erkrankung bestätigte. Am nächsten Tag, dem 24. November, starb er in seinem Haus in Kensington an einer Lungenentzündung als Folge von AIDS. Er war 45.

Es lässt sich rational verstehen: Er starb an einer Krankheit, für die es damals keine wirksame Therapie gab. Die Kombinationstherapie, die HIV heute in eine chronische, behandelbare Erkrankung verwandelt hat, kam wenige Jahre zu spät. Wäre er 1996 statt 1991 diagnostiziert worden – wer weiß. Vielleicht säße er heute wirklich in Kensington, mit den Katzen und dem Tee.

Es lässt sich emotional nicht verstehen. Der Zorn darüber ist auch nach 35 Jahren nicht ganz weg. Und man muss diesen Zorn richtig adressieren: nicht gegen Freddie, der bis zum letzten Tag gearbeitet und geliebt hat, sondern gegen eine Gesellschaft, die AIDS lange als „Schwulenkrankheit" abgetan und die Forschung sträflich verzögert hat. Der Mercury Phoenix Trust, den Brian May, Roger Taylor und Jim Beach nach seinem Tod gründeten, hat seither über 20 Millionen Dollar für den Kampf gegen HIV/AIDS gesammelt. Es ist Freddies zweites Vermächtnis, neben der Musik.

Was bleibt, an einem 5. September

Heute wird in Montreux gefeiert, wo seit 30 Jahren seine Bronzestatue am Genfersee steht, die Arme in einer letzten großen Geste zum Himmel. In München laufen die „Freddie's Days", auf den Spuren seiner wilden Jahre. Das ZDF hat sein Programm geändert. Auf den Spanish Steps am Wembley Park in London steht ein neun Meter hohes Wandbild, „I'm Mr. Mercury". Fans laden ihre Karaoke-Videos hoch, Radiosender spielen „Don't Stop Me Now" auf Endlosschleife, und irgendwo, in einem Wohnzimmer in Sachsen oder Osaka oder São Paulo, sitzt gerade jemand und weint bei „These Are the Days of Our Lives", weil da ein Mann in die Kamera „I still love you" flüstert und wir alle wissen, was er wusste, als er es sagte.

Freddie Mercury wäre heute 80 geworden. Er ist es nicht. Aber die Songs sind es, und sie sind, wie er es sich immer gewünscht hat, unsterblich. Er hat einmal gesagt, er wolle nicht als Legende erinnert werden, sondern als ein Musiker, der ein bisschen Freude gemacht hat.

Er hat sich verschätzt. Nicht ein bisschen. Sondern eine ganze Welt voll.

Alles Gute, Farrokh. Und danke. Für alles.